Das Gehirn des Clownfischs verändert sich vor seinem Körper – und das ist der wahre Albtraum
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Wenn Pixar jemals beschlossen hätte, eine „realistische“ Version von Findet Nemo zu machen, würde der Film nicht von väterlicher Liebe handeln. Es wäre ein verblüffender, psychologischer Thriller über Identität – eine Geschichte, in der zuerst das Gehirn wechselt und der Körper Monate braucht, um nachzuziehen. Das ist keine Metapher; es ist die im Labor bewiesene Realität, die der Neurowissenschaftler Justin Rhodes und sein Team an der University of Illinois entdeckt haben.
Im animierten Klassiker ist Nemos Vater der Inbegriff eines ängstlichen, überfürsorglichen alleinerziehenden Vaters nach dem Tod seiner Frau. Aber im Drehbuch der Biologie beginnt die Veränderung, wenn das einzige Weibchen einer Clownfischfamilie stirbt, an einem weitaus beunruhigenderen Ort als den Gonaden: im Gehirn.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die „Gehirnsoftware“ des Männchens fast augenblicklich aktualisiert wird. Weibliche neuronale Schaltkreise werden aktiviert. Sein Verhalten, seine Kognition, sogar seine gesamte „Aura“ – schaltet in den weiblichen Modus um. Aber hier liegt das quälende Paradoxon: Die „Körperhardware“ – die vollständige Umwandlung der Fortpflanzungsorgane – braucht Monate oder sogar Jahre, um abgeschlossen zu sein. Das schafft eine surreale Übergangsphase: ein Fisch, der körperlich noch männlich ist, dessen Seele aber bereits überzeugt ist, eine vollwertige „Königin“ zu sein.
Um das zu beweisen, führten die Forscher ein brutal elegantes Experiment durch. Sie setzten einen „Gehirn-weiblichen, körperlich noch männlichen“ Übergangs-Clownfisch in ein Becken mit einem echten, biologischen Weibchen. Nun ist das Treffen von zwei weiblichen Clownfischen wie das Aufeinandertreffen zweier rivalisierender Bandenchefs – es entbrennt sofort ein erbitterter Kampf.
Und kämpfen taten sie. Das Ergebnis war ein Battle Royale. Was bewies das? Obwohl die körperliche Anatomie dieses Fisches noch nicht nachgezogen hatte, hatten seine Verhaltensmuster, seine Selbstidentität und die von ihm ausgesandten chemischen Signale das andere Weibchen bereits – ohne jeden Zweifel – davon überzeugt, dass es „eine andere Frau“ war. Es gab keine Identitätskrise. Dieser Fisch murmelte nicht, er sei „im Übergang“. Er handelte mit der unerschütterlichen Überzeugung, in diesem Moment eine vollständige Frau zu sein.
Bringen wir das nun zurück zu Findet Nemo. Wenn Nemo schließlich nach Hause zurückkehrt, trifft er nicht einfach auf einen geschlechtsveränderten Elternteil. Es ist eine Frau, deren Gehirn sich vollständig und unwiderruflich neu verdrahtet hat – eine neue Kaiserin, die die Realität durch eine völlig andere Linse betrachtet. Für diese neue Kaiserin ist Nemo kein „Sohn“ mehr. Er ist einfach ein unreifer männlicher Bewohner ihres Reiches.
Diese Wahrheit ist so radikal, so zutiefst herausfordernd für menschliche Ethik und unsere geschätzten Vorstellungen von Familie, dass wir den Drehbuchautoren der Animation kollektiv dankbar sein sollten. Sie haben die brutalen Instinkte der Natur unterdrückt und uns stattdessen einen reinen, unbefleckten Mythos von Vater-Sohn-Liebe geschenkt. Und dafür sollten wir alle dankbar sein – und ein kleines bisschen verstört.